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Ich habe mich schon oft schlecht gefühlt.

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Ich war nie son­der­lich ehr­gei­zig. Für meine Noten in der Schule tat ich nur so viel, dass ich gerade so durch­kam. Irgend­wie. Ich fand es zwar toll, hier und da gute Noten zu bekom­men, nahm aber schlechte Noten in Kauf, wenn das sonst mit zu viel Auf­wand ver­bun­den gewe­sen wäre.  Als es dann ab einem gewis­sen Punkt nicht mehr reichte ein­fach nichts zu tun, habe ich mich unglaub­lich geschämt, ver­sagt zu haben. Nicht etwa wegen mir selbst oder aus Angst, dass aus mir spä­ter nichts wird. Ich selbst wusste schon immer, dass ich mei­nen Weg gehen würde. Aber das Erste woran ich in die­sem Moment vor 10 Jah­ren dachte — und die­ser Satz ver­folgt mich bis heute:

Was denken nun die anderen von mir?

Sind wir mal ehr­lich. Die­ser eine Satz zieht sich durch unser gan­zes Leben wie ein roter Faden. Ganz gleich etwai­ger Bana­li­tä­ten wie kei­nen Bock zu haben den Rasen zu mähen, es aber trotz­dem zu tun, die fünf Tüten Shop­pin­g­aus­beute erst nachts aus dem Auto zu holen, nicht zu oft Pizza zu bestel­len (ja, das ist sind wahre Geschich­ten), denn: Was könn­ten denn die Nach­barn den­ken? Dass Herr und Frau Z. ihren Gar­ten nicht pfle­gen und Frau H. zu faul ist, um ihrer Fami­lie etwas anstän­di­ges zu kochen und neben­bei noch das ganze Haus­halts­geld für Klei­dung und Schuhe ver­prasst? Kann das Herr und Frau Z., ebenso Frau H. nicht eigent­lich voll­kom­men egal sein? Doch, kann es. Die Wahr­heit ist aber: Es ist uns nicht egal.

Man möchte den Men­schen in sei­nem Umfeld, der Fami­lie, den Freun­den, dem Part­ner gefal­len. Man möchte Ein­druck hin­ter­las­sen. Gut genug sein und nicht etwas sein oder tun, das andere mit per­sön­li­chem Ver­sa­gen asso­zi­ie­ren könn­ten. Frü­her hasste ich es, ande­ren erklä­ren zu müs­sen warum ich die 10. Klasse erst im Alter von 18 Jah­ren abge­schlos­sen habe. Ich ver­suchte, die­ses unan­ge­nehme Kapi­tel in mei­nem Leben neben­bei zu erwäh­nen: “kein Bock auf Schule, lie­ber Party und Jungs im Kopf, weißte? Dumm bin ich eigent­lich nicht, ein­fach nur faul!” — man recht­fer­tigt sich oft, ohne es zu wol­len, obwohl kei­ner über­haupt so aus­führ­lich danach gefragt hat. Die genann­ten Gründe mögen zwar zutref­fen. Ich habe mich damals nicht ange­strengt, jedoch war es für mich abso­lut unaus­weich­lich und not­wen­dig, eine Klasse zu wie­der­ho­len um zu rea­li­sie­ren, dass Höhen und Tie­fen, die ich bis dahin nicht kannte, mich mein gan­zes Leben lang beglei­ten wür­den und man auch mal tief fal­len muss, um dann erst rich­tig Gas geben zu kön­nen. Nicht jeder kann sich kon­stant Schritt für Schritt sei­nem Ziel nähern, son­dern fällt hier und da ein paar Schritte zurück. Und das ist voll­kom­men in Ord­nung.

Heute ist es die Anzahl mei­ner Semes­ter, für die ich mich recht­fer­ti­gen muss — bei Men­schen, für die es nur den einen Weg gibt. Was unsere beruf­li­chen Wege und Ziele betrifft, haben wir inzwi­schen unend­lich viele Mög­lich­kei­ten, im Gegen­satz dazu mit befris­te­ten Arbeits­ver­trä­gen aller­dings auch uner­träg­lich viele Ein­schrän­kun­gen. Den­noch gibt es tau­sende Wege und Abzwei­gun­gen, die jeden von uns an unser per­sön­li­ches Ziel brin­gen. Es gibt kein rich­tig oder falsch, solange es für einen selbst funk­tio­niert.

Ich habe mich schon oft schlecht gefühlt.

Warum gibt es Men­schen, die ande­ren ihren Weg als den ein­zig rich­ti­gen auf­zwin­gen wol­len? Ich habe mich schon oft schlecht gefühlt. Nicht, weil ich nicht selbst von mir über­zeugt bin. Nein, weil es Men­schen gibt, die ver­su­chen, dir und mir etwas ein­zu­re­den wovon sie selbst über­zeugt sind, es für dich aber so ein­fach nicht funk­tio­niert.

Warum müs­sen wir uns stän­dig mit ande­ren Men­schen ver­glei­chen? Warum fällt es uns so schwer an uns her­ab­zu­se­hen und zu den­ken “Hey, das was ich hier tue ist super wie es ist”. Warum haben wir stän­dig das Gefühl, dass wir es noch bes­ser machen müs­sen, dass da noch “Luft nach oben” ist, so als wür­den wir unter per­ma­nen­ter Beob­ach­tung von unse­rem Umfeld ste­hen? Alles nur, um eine ange­mes­sene Aner­ken­nung zu bekom­men?

Können wir unseren Mitmenschen nicht Anerkennung schenken, allein weil sie sie sind?

1 Kommentar

  1. Lia

    Du sprichst mir so aus der Seele! Ich habe seit Wochen wie­der mit Depres­sio­nen zu kämp­fen. Das hat alle mög­li­chen Gründe und so genau weiß ich auch nicht, was wel­chen Ein­fluss dar­auf hat. Was ich aber weiß, ist, dass die stän­di­gen Gedan­ken dar­über, was andere von mir den­ken, wes­halb ich nicht so viel kann/mache/bin wie andere usw. das ganze nicht bes­ser machen. Stän­dig mache ich mir Vor­würfe, dass ich nicht gut genug bin, dass man alles bes­ser machen könnte. Ich habe Angst vor dem Urteil ande­rer und ver­su­che so zu funk­tio­nie­ren, dass ich keine Angriffs­flä­che biete. Das ist völ­lig ver­rückt und unmach­bar… wenn man sich doch ein­fach so anneh­men könnte, wie man ist. Jeder Mensch ist so völ­lig ver­schie­den vom Nächs­ten, man kann sich ein­fach nicht ver­glei­chen. Jeder will etwas ande­res, jeder kann etwas ande­res. Selbst wenn man nichts kann, nichts weiß und kei­nen von außen erkenn­ba­ren, sin­vol­len Bei­trag für die Gesell­schaft leis­tet, na und? Muss man das, muss man sich und seine Exis­tenz immer recht­fer­ti­gen? Reicht es nicht, dass man ein­fach da ist? Ich wünschte, es gäbe mehr Offen­heit und Akzep­tanz zu dem Thema. Ich finde es super, dass du deine Gedan­ken dazu auf­ge­schrie­ben und ver­öf­fent­lich hast, das ist sehr mutig und wird vie­len hel­fen!

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